36 Als wir uns entschlossen, als Alternative zur Volksschule, im Haldenrain Privatunterricht anzubieten, wollten wir den Kindern, statt dem Leistungsdruck der Volksschule, ein möglichst selbstbestimmtes Lernen aus Freude und Begeisterung ermöglichen. Das sogenannte „Freilernen“, bei dem der Impuls für das Lernen aus der inneren Motivation kommt, und das Kind den Lernstoff auf individuelle Weise und in seinem eigenen Tempo aufnimmt, diente uns dabei als Vorbild. Wir wollten die Kinder zwar auch in die Arbeit auf dem Hof einbeziehen, erwarteten jedoch, dass diese sich aus eigenem Antrieb und „ganz freiwillig“ einbringen würden. Damals nahmen nur die Erwachsenen an der Morgenbesprechung teil, wo die verschiedenen Arbeiten des Tages verteilt wurden. Die Kinder konnten ihre Beschäftigung mehr oder weniger frei wählen, freies Spiel, Lernangebote oder Mitarbeit für die Gemeinschaft. Weil wir uns so darüber freuten, dass der Zwang, wie wir ihn aus unserer eigenen Schulzeit kannten, wegfiel, und die Kinder motiviert und freudig am Tun waren, störte es uns anfangs nicht, dass wir Erwachsenen fast die ganze Arbeit übernahmen, während die Kinder spielten und nur diejenigen Arbeiten auswählten, die ihnen Spass machten. Mit der Zeit entstand jedoch Unzufriedenheit bei den Betreuungspersonen, die die ganze Arbeit erledigen mussten. Weil mich zu dieser Zeit das am Treffen der OCG gelebte Prinzip des Organismus, wo jeder zum Gesamten etwas beiträgt, beeindruckte, überlegte ich mir, ob und wie ich dies auch auf unsere Gemeinschaft übertragen könnte. Ich erkannte, dass jeder, ob klein oder gross, einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten muss (darf), damit es allen gut geht, und dass „Dauerbespassung“ nicht glücklich, sondern leer macht. Als Konsequenz daraus haben wir aufgehört, als Erwachsene die ganze Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen und dann sauer auf die Kinder zu sein, wenn wir den ganzen Tag arbeiteten, während sie spielten. Die Kinder sind nun bei der Arbeitsbesprechung dabei. Auf einer grossen Tafel sind die Arbeiten für die erste Tageshälfte aufgelistet und werden von den Betreuungspersonen noch ergänzt und erklärt. Dann werden die Aufgaben verteilt, bis jeder seinen Platz gefunden hat, und ein gemeinsamer Friede spürbar ist. Dies ist eine grosse Herausforderung und gelingt nicht immer auf Anhieb, aber wenn wir uns an das Prinzip „hochführend-niederziehend“ halten, können wir immer wieder in den gemeinsamen Frieden hineinfinden. Weil die Kinder erkannt haben, dass sie in der Gemeinschaft gebraucht werden, sind sie auch gerne bereit, einmal eine unangenehme Arbeit auf sich zu nehmen. Sie werden dafür statt mit Spass mit innerer Zufriedenheit belohnt.
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