37 Der Herr hatte andere Pläne mit uns (von Karin L., CH, 58 J.) Unsere familiäre Gemeinschaft bietet vier erwachsenen Menschen mit einer Beeinträchtigung einen Wohn- und Arbeitsplatz. Zusätzlich betreuen wir unter der Woche tagsüber vier Kinder im Rahmen des Privatunterrichts. Für das neue Schuljahr ab Sommer 2026 planten wir in der Betreuung der Kinder eine Konzeptänderung, um mehr Ruhe und Konstanz in unsere Gemeinschaft zu bringen. Dies bedeutete, nur noch Kinder aufzunehmen, die auch in unser neues Konzept passten. Aber der Herr hatte andere Pläne mit uns. Wir hatten das neue Konzept gerade erst entworfen, die Sommerferien noch nicht begonnen, da zeigte sich schon die erste Unruhe in Bezug auf unsere Planung. Meine 85-jährigen Eltern hatten notfallmässig eine schwer psychisch kranke Bekannte bei sich aufgenommen, weil diese nirgendwo unterkam. Es ist nicht verwunderlich, dass die betagten Menschen mit dieser Aufgabe überfordert waren. Unsere Gemeinschaft schien der geeignete Platz für diese Frau zu sein. Der Herr sprach klare Worte und nach einer kurzen Bemessung im Team entschieden wir uns für die Aufnahme von Maja1, obwohl dies bedeutete, uns nicht an unser Konzept zu halten. Statt ein Schulkind mit einem viertägigen Betreuungsauftrag aufzunehmen, kümmerten wir uns nun also rund um die Uhr um eine weitere schwer psychisch kranke Frau. Dies war eine grosse Herausforderung, aber der Herr zeigte uns, dass unser Herzensentscheid richtig gewesen war und segnete uns mit der nötigen Kraft. Maja hatte sich gerade etwas eingelebt, da ging es der 14-jährigen Sandra, die bei uns seit zwei Jahren den Privatunterricht besuchte, psychisch so schlecht, dass wir vor der Wahl standen, das Mädchen entweder in eine Klinik einzuweisen oder stationär bei uns aufzunehmen. Wieder zeigte uns der Herr, dass wir auch diesen Menschen nicht abweisen durften. Die letzten Wochen waren eine grosse Herausforderung für uns. Aber gerade darin durften wir den Herrn erfahren. So war es zwar viel, aber nie zu viel, und es fand sich immer ein Weg. Die Notsituation stärkte das organische Zusammenwirken in unserer Gemeinschaft. Jeder durfte auf seine Kräfte zurückgreifen und die andern nach seinen Möglichkeiten unterstützen. So bildeten sich wunderbare Synergien unter unseren Bewohnern, wenn die bisher „Schwachen“ „stark“ wurden in ihrem Auftrag, die noch „Schwächeren“ zu unterstützen. Maja liess Sandra bei sich im Zimmer schlafen, weil sich diese alleine unwohl fühlte. Ruth überwand ihre Eifersucht gegenüber Sandra, die in ihrer Krise viel Fürsorge benötigte. Claudia machte Sandra Mut, indem sie ihr erzählte, was ihr früher geholfen hatte. Zusätzliche Unruhen prägten den Alltag in unserer Gemeinschaft und liessen uns noch öfter als bisher Gespräche führen, um in den gemeinsamen Frieden zurückzufinden. Wir waren gefordert, manchmal auch überfordert, aber der Herr liess den Einzelnen in der Fürsorge für sein Gegenüber auch über sich selber hinauswachsen. Die damals gerade aktuelle 4. Lektion der OCG-Akademie2 „Ruhe ringsum“ war eine weitere Unterstützung 1 Alle Namen in diesem Artikel sind geändert. 2 Siehe Fussnote zur OCG-Akademie in dieser Ausgabe im Beitrag von Sulamith, Seite 22
RkJQdWJsaXNoZXIy MTY5NDM=