Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
155 sicht? Du siehst ja richtig hübsch aus!“ Der ungezwungene Um- gang von Magdalena tat Anneli richtig wohl. Da Anneli nichts sagen konnte, deutete sie mit ihrem Finger kurz nach oben. Ihr ausgestreckter Arm redete mehr als tausend Worte. Magdalena verstand, was Anneli ausdrücken wollte, und umarmte sie, glücklich über ihre Wandlung. Die junge Nonne nahm auch hin und wieder mal ein Stück Perga- ment mit. Anneli konnte dann aufschreiben, was sie mit Gesten nicht auszudrücken vermochte. Wie gut, hatte der Vater schon ganz früh darauf bestanden, dass seine Kinder das Schreiben lernten. Immer vertrauter wurde ihr Umgang mit dem Gott ihrer Väter, der schon Mose durchs Meer geführt hatte. Ob sich das Meer ihres Turmkerkers auch eines Tages teilen würde und sie ent- fliehen konnte? Anneli merkte, dass trotz dieser Beziehung zu Gott immer wie- der dunkle Wolken des Hasses ihr Herz beschwerten. In diesen Zeiten spürte sie auch Seine Gegenwart nicht mehr. Am Vortag hatte Magdalena erzählt, dass Jesus am Kreuz sagte: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Dieses Wort hatte Anneli tief getroffen. Nein, so etwas könnte sie nie sagen. Diese boshafte Priorin, die befohlen hat, dass meine Zunge abgeschnitten wird, hat doch genau gewusst, was sie tat! Nein, nie würde sie ihr diese Tat vergeben können. Je mehr sie Jesu Worte in sich aufsog, desto inniger entstand in ihr der Wunsch, auch so zu sein wie Er. Trotz aller Anstrengung, das Gute zu tun und zu denken, spürte das Mädchen doch immer wieder, dass ihr die entscheidende Kraft fehlte. Magdalenas Empfehlung, doch um geöffnete Augen zu beten, wurde zu einem ungestümen Schrei im Innern von Anneli. Ich muss wissen, was mit diesem Jesus ist, und ich brauche Kraft. Öffne meine Augen!, flehte sie täglich. Manchmal fand sie auch in Gedanken
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