Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
154 Ohne dass Anneli es gesucht hatte, befand sie sich plötzlich in der Gegenwart Gottes, spürte Seine Nähe und Seinen Trost wie nie zuvor. Äusserlich war alles beim Gleichen geblieben. Der ganze Raum jedoch schien mit Wärme und der Herrlichkeit Gottes erfüllt zu sein. Nie gekannter Trost floss in ihre Seele. Du, der ewige Gott, bist ja da. Du bist ja da!, waren ihre letzten Gedanken, bevor sie erschöpft und mit einem glücklichen Lä- cheln auf den Lippen einschlief. „Hier, dein Essen!“ Die kalte Stimme der Oberin weckte Anneli aus ihrem Schlaf und riss sie brutal in die Realität ihres Daseins. „ Was …?“ Anneli setzte sich auf, streifte mit ihren Augen kurz das Gesicht der Ordensschwester und wollte schon wieder in Hoffnungslosigkeit abgleiten. Nein, halt! Wie war das gestern? Ach ja, danken, trotz allem! Anneli faltete ihre Hände und dankte dem Höchsten für das Essen. Wieder spürte sie Seine tröstende Gegenwart und realisierte gar nicht, dass sich die Nonne bereits entfernt hatte. Weshalb hat Magdalena mir nicht das Essen gebracht? Die Angst, dass die grosse Freundin nicht mehr kommen könnte, schnürte ihr den Hals zu. Doch sie wehrte diesem Gedanken und sprach sich selber Mut zu. Sie kommt bestimmt wieder! Nach einigen Tagen brachte ihr tatsächlich Magdalena das Essen. Schmal sah sie aus, und Anneli fragte sich zum ersten Mal, ob Magdalena vielleicht genauso litt wie sie selber, einfach auf eine andere Art. Magdalena war zwar nicht eingesperrt, aber sie litt anscheinend sehr unter all den Ungerechtigkeiten, mit denen sie täglich konfrontiert war. Als sie das Lächeln auf Annelis Gesicht sah, wurde sie auch gleich fröhlicher. „Liebes Anneli, so froh habe ich dich ja noch nie gesehen. Was ist geschehen? Wenn es dir besser geht, fühle ich mich auch wieder besser. Aber sag, was bringt dieses Lächeln auf dein Ge-
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