Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

151 Etwas leiser fuhr sie fort: „Ich habe schon lange für dich gebetet.“ Tränen rollten über Annelis Gesicht, obwohl sie sich dagegen wehrte. Diese Zuneigung war ehrlich gemeint. Wie lange hatte sie sich nach einem Menschen gesehnt, der sie nicht hasste und verachtete! Dennoch, hier konnte man niemandem vertrauen. Sie drehte sich zur Seite und schüttelte den Kopf. Magdalena kam von da an täglich, um ihr das Essen zu bringen. Sie war es auch, die Anneli eine dickere Decke mitbrachte, wie damals Pater Waldes. Manchmal schmuggelte sie unter ihrem wallenden Gewand sogar eine feine Frucht oder geröstete Wei- zenkörner ins Turmzimmer. Ganz langsam wurde das Herz des Mädchens weicher. Die Besuche von Magdalena stillten ein tie- fes Verlangen in ihr. Gott hat mich doch nicht vergessen. Auch die regelmässigen Besuche der kleinen Maus taten ihr wohl. Manchmal huschte ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht, wenn sie beobachten konnte, wie sich der kleine Nager putzte. Jeden Morgen und Abend faltete sie ihre Hände und sprach die Gebete in ihrem Herzen, welche die Eltern sie gelehrt hatten: Mein Gott, lass doch meine Gebete vor Dich kommen, entzieh Dich mei- nem Flehen nicht. Was soll ich Dir, mein Gott im Himmel, sagen? Sind Dir nicht alle verborgenen und offenbaren Dinge wohlbekannt? Du kennst ja alle Geheimnisse der Welt, Du prüfst ja Herz und Nieren – so möchte es doch Dein Wille sein, mir meine Sünden zu vergeben … Gott, Du wirfst Schlaf auf meine Augenlider; so gefalle es Dir doch, dass ich in Frieden einschlafe und aufwache. Lass keine traurigen Gedanken, keine bösen Träume und keine unkeuschen Vorstellungen mich beunruhi- gen. Und erleuchte meine Augen auch wieder, damit ich nicht des Todes entschlafe! Ach, Gott, wie sind der Feinde so viele? Du aber hebst mein Haupt em- por. Nun liege ich ruhig, schlafe und erwache, denn mich hält Gott.

RkJQdWJsaXNoZXIy MTY5NDM=