Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

150 Zwei kleine, kecke Äuglein erfassten das kauernde Mädchen. Eine kleine Maus verschwand blitzschnell in dem Spalt, den sie sich eben freigeknabbert hatte. Eine Maus, eine ganz kleine Maus, ein richtiges Lebewesen. Die ist wenigstens nicht alleine , dachte sie. Denn die Geräusche der Mäuse und ihr beständiges Knabbern hatten dem Mädchen am Anfang der Turmzeit oft den Schlaf geraubt. Sie hatte sogar meistens einen Stein in der Hand gehalten, um ihn auf die Mäuse zu werfen, falls sich eine bis in ihr Turmzimmer wagen sollte. Bis jetzt war das aber nicht der Fall gewesen, und in der Zwi- schenzeit hatte sie sich schon mehrmals gewünscht, eines dieser kleinen Kerlchen zu Gesicht zu bekommen. Die kommt bestimmt nicht wieder , seufzte Anneli. Doch die Hoffnung, etwas Essbares zu finden, trieb die kleine Maus immer wieder in das Gefängnis des Mädchens. Als sie auch noch damit anfing, kleine Bröckchen von ihrem Mahl an das Na- getier abzugeben, wurden seine Besuche zur täglichen Abwechs- lung in der Eintönigkeit von Annelis Leben. Sanft versuchte sie, ihren neuen Gefährten näher heranzulocken. Doch die Maus hatte die Schritte auf der Treppe schon vor dem Mädchen gehört und war schleunigst verschwunden. Anneli schaute jedes Mal bewusst zu Boden, wenn das Essen ge- bracht wurde. „Guten Tag Anna“, ertönte eine weiche Stimme. Erstaunt hob sie ihren Kopf und blickte in die besorgten Augen einer Nonne. Die hab ich noch nie gesehen! Freundliche Worte? Das war ja etwas ganz Neues. Anneli wandte sich schnell wieder ab. Das alte Misstrauen kroch in ihr hoch, doch zutiefst in ihrem Herzen spürte sie, dass diese Freundlich- keit echt war. „Ich heisse Magdalena“, sagte die junge Nonne etwas unbehol- fen: „Brauchst … hm … brauchst du irgendetwas? Wenn ich dir helfen kann, würde ich das gerne tun.“

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