Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

149 Der mit der Hakennase kam ganz dicht an sie heran und hob ihr Kinn. Anneli roch seinen Atem. Angewidert drehte sie ihr Ge- sicht weg. „Hey! Und kratzbürstig ist sie auch noch“, rief der mit der Ha- kennase. Der Bärtige lachte. „Nein, da gibt es wirklich Besseres als die da. Komm, Ursus, lass sie.“ Anneli wäre am liebsten in den Boden versunken. „Hmm.“ Ursus warf einen letzten, verächtlichen Blick auf das Mädchen und trat einen Schritt zurück: „Komm, wir gehen. Die fällt uns sonst noch tot um, wenn wir sie nur schon anschauen.“ Die Mönche verliessen laut lachend das Turmzimmer. Anneli blieb aufatmend, jedoch tief verletzt und gedemütigt zu- rück. Immer noch schlotterte sie am ganzen Körper. Da sah sie in ihre Hand. Der kleine Käfer lag zerdrückt auf ihrer Handfläche. Anneli schluchzte auf. Oh, mein Gott!!! Hört denn die- ses Elend nie auf? Der Herr ist mein Hirte Anneli versuchte einmal mehr jedem Strahl der Sonne zu folgen, der durch die Turmluke in das Innere ihres Gefängnisses drang. Jetzt aber waren auch die letzten Lichtstrahlen weitergewan- dert. Einsamkeit und Kälte legte sich wie ein Mantel um das Mädchen. Sie zog ihre Knie fröstelnd an den abgemagerten Kör- per und wickelte sich in ihre schmutzige Decke. Die vielen Jahre im Turm hatten ihren Gehörsinn auffallend ge- schärft. Unbekannte Geräusche drangen aber nur allzu selten in ihre kleine Turmkammer. Das Herz des Mädchens war in tiefer Hoffnungslosigkeit gefangen. Da, plötzlich, ein Rascheln! Noldi ? Angespannt spähte Anneli in der Dämmerung in die Richtung des Geräusches.

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