Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

148 Anneli gähnte, sie war müde geworden. Bald wollte sie sich hin- legen. Sie beobachtete ihren neuen Freund in ihrer Handfläche. Du hast es gut, kleiner Freund. Du kennst keine Sorgen. Auf einmal hörte Anneli Schritte im Turm. Es musste in etwa zur Abendstunde sein. Das war sehr ungewöhnlich. Sie fürchtete sich. Schnell verkroch sie sich im hintersten Winkel ihres Verlieses. Ein Schlüssel wurde gedreht, die Türe knarrte und – das Mäd- chen fuhr zusammen. Zwei Männer erschienen oberhalb der Treppe und spähten ins Zimmer hinein: Mönche! Sie waren sichtbar angeheitert. Anneli erstarrte vor Schreck. „Da drüben hockt sie!“, sagte der Bärtige mit der roten Nase. „Ah ja, ich sehe sie … Wilfried?“, schnalzte der Weisshaarige mit der Hakennase. „… was meinst du?“ Sie zitterte und bebte am ganzen Körper. Alles kam ihr wieder in den Sinn. All das Schreckliche, was sie als kleines Mädchen im Kloster erlebt hatte. „Mal sehen“, entgegnete der Bärtige. „Das müssen wir uns von der Nähe ansehen.“ Die beiden Mönche kamen näher. Anneli sprang auf die Füsse. Ihr Herz schlug wild. Schritt für Schritt wich sie rückwärts, die Männer nicht aus den Augen lassend. Dann spürte sie hinter ih- rem Rücken die Mauer. Sie sass in der Falle. Sie fühlte sich wie ein gehetztes Wild, das in die Enge getrieben war. Mit aufkei- mendem Grauen sah sie den Männern entgegen. Sie kamen im- mer näher und näher. Der Bärtige blieb einen Schritt vor ihr stehen und betrachtete sie mit angewiderten Augen. „Was ist denn das? Ist das alles?“ Anneli fühlte sich wie ein Stück Vieh, das auf dem Markt feilge- botenen wurde. Ihr Herz schlug bis zum Hals. „Sie ist jung, Wilfried“, entgegnete der mit der Hakennase. „Wie ich dir gesagt habe. Aber – du hast Recht. Ein bisschen zu dürr ist sie schon.“

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