Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

147 Die Begegnung Anneli rieb sich die Augen, gähnte und blinzelte zum Erkerfens- terchen hinauf. Ihr Blick blieb an einem Schwarm Mücken hän- gen, der an der Decke vor der Öffnung herumschwirrte. Auf ihrer verzweifelten Suche nach etwas Lebendigem erblickte sie auf einmal eine kleine Spinne. Die Spinne kroch mit ihren wackeligen, schwachen Beinen auf dem Turmboden umher. Anneli beugte sich zu dem Tierchen herunter und guckte es sich genau an. Du hast ja nur noch fünf Beine, du armes Ding! Sie streckte ihre Hand nach der Spinne aus und liess sie auf ihre Handfläche krabbeln. Du bist wie ich, kleine Spinne: ungeliebt, einsam und hässlich. Auf einmal wurde es übernatürlich hell im Zimmer. Anneli rieb sich die Augen, setzte das Spinnentierchen auf ihre Bettstatt, fiel auf ihre Knie und weinte. Oh Gott! Niemand liebt mich, niemand hat mich gern! Der Pater, ja alle haben mich im Stich gelassen! Ich bin so einsam, oh mein Gott!!! Mausallein. Auf einmal hörte sie eine Stimme in ihrem Herzen: Ich habe dich je und je geliebt! Deshalb habe Ich dich zu mir gezogen, aus lauter Güte. Deshalb halte Ich dich fest in Meiner Hand. Sie schaute sich um, aber da war niemand. Was war das? Bist Du es … Gott? Ihr Herz wurde ganz warm, und das erste Mal seit langer, langer Zeit hatte sie wieder das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Tage, Wochen, Monate vergingen. Anneli hatte sich mit einem kleinen Käfer angefreundet. Sie spielte stundenlang mit dem Tierchen und sprach in Gedanken ständig mit ihm.

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