Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
146 Dann kam der Tag, an dem er sich unerwartet von Nicholas ver- abschieden musste. Schon seit dem Morgengebet war Nicholas bedrückt gewesen. Zuerst war es Arnold nicht aufgefallen, aber im Unterricht liess Nicholas’ schlechte Stimmung nicht nach, und schliesslich zog Arnold ihn beiseite. „Nicholas, was ist los? Du schaust schon den ganzen Tag drein wie eine zerdrückte Kartoffel.“ Es war ganz offensichtlich, dass sein Freund nur darauf gewartet hatte, dass jemand diese Frage stellte. Von sich aus hätte er nie jemanden mit seinem Kummer belastet. „Ich habe gestern eine Depesche erhalten. Mein Vater ist bei ei- nem Jagdunfall verunglückt.“ Noldi sah, dass Nicholas' Kummer um seinen Vater echt war. Sie hatten sich zwar nie gut vertragen, doch geliebt hatte er ihn trotzdem. Tröstend legte Arnold eine Hand auf Nicholas Arm. „Was geschieht nun?“, fragte er. „Meine Mutter wünscht meine Anwesenheit und mein Bruder fühlt sich wohl mit der Verwaltung des Gutes überfordert. Ich soll ihm helfen.“ „Und?“ „Ich werde gehen.“ „Willst du das denn?“ „Wen interessiert das schon?“ Wie üblich fügte sich Nicholas widerstandslos in sein Schicksal. Noldi erfuhr nie, ob sein Freund lieber Mönch geworden wäre. Doch er hoffte, dass Nicholas die richtige Entscheidung getrof- fen hatte. Er verliess das Kloster zwei Monate später, und Noldi hörte nie wieder etwas von ihm. Wieder war ein ihm nahestehender Mensch aus seinem Leben verschwunden.
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