Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
140 wünschte er die Pest an den Hals. Dass das alles war, was er tun konnte, um seiner Freundin zu helfen, quälte ihn unendlich. Mit ihr hatte er sich immer unterhalten können. Sie hatten das gleiche Schicksal geteilt. Sie hatte ihn gebraucht. Neben Pater Waldes gab es nur noch Nicholas, den rothaarigen Jungen, der ihn akzeptierte und mit dem ihn allmählich eine scheue Freundschaft verband. Nicholas selber gehörte wie auch Noldi eher zu den Aussenseitern der Novizenklasse. Er war kleiner als die anderen, und häufig litt er unter irgendeiner Krankheit. Schon in der zweiten Stunde hatte er sich ständig wegen irgend- etwas an Noldi gewandt, froh darüber, dass er einen Ansprech- partner hatte, der ihn nicht ganz ignorierte. Er war ganz gut im Unterricht, doch am liebsten trieb er sich bei den Tieren herum. Er besass eine Geduld und ein Einfühlungs- vermögen, das Noldi erstaunte. Nicholas bat sogar freiwillig da- rum, dass er Noldi beim Stallausmisten helfen dürfe. Eines Ta- ges waren sie gerade damit beschäftigt, den Mist auszufegen. Ni- cholas hatte Noldi gefragt, was ihn ins Kloster verschlagen hatte. Doch dieser hatte nur gebrummelt: „Verschiedene Umstände, nichts Besonderes.“ So gern er Nicholas auch mochte – seine Vergangenheit ihm mitzuteilen und was er alles erlebt hatte, konnte und wollte Noldi nicht. Lieber hörte er einfach Nicholas’ Geplapper zu. Dieser liess sich dabei auch nicht aufhalten. Er drängte Noldi nie zu erzählen, wenn er es nicht von sich aus tat. „Mein Vater weiss nichts mit mir anzufangen“, berichtete er. „Mein Bruder wird die Ländereien erben, und ich als Zweitge- borener habe keine grosse Wahl. Die militärische Laufbahn hätte mir Ruhm und so etwas bringen können, doch mein Vater hat mich ausgelacht, als ich ihm das vorgeschlagen habe. Vermutlich hat er Recht. Dazu würde ich nicht taugen. Ich bin nahezu blind und stets kränklich.
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