Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
139 Gespräch mit Nicholas Es wurde zur Gewohnheit, dass Pater Waldes und Noldi nach den Unterrichtsstunden noch zusammensassen. Noldi merkte schon bald, dass es ihm Freude bereitete, das kostbare Wissen zu erlernen, das ihm sonst als Bauernjunge verwehrt geblieben wäre. Er lernte schnell und hatte bald seinen Rückstand einge- holt, ja, die anderen Schüler sogar im Lehrstoff überholt. An Noldis Diensten ausserhalb der Schule veränderte sich nicht viel. Er diente nicht mehr bei den Nonnen. Wie seine Mitschü- ler half er nun im Mönchskonvent, in der Küche, im Stall oder auch bei den Handwerkern. Oft fragte er sich, wieso er zuvor nie andere Knaben bemerkt hatte. Bald wurde ihm klar, dass sie einfach eine andere Stellung einnahmen. Ihn sah man immer noch als Leibeigenen, während die anderen Novizen als Kinder und Lehrlinge des Klosters eine Sonderposition innehatten. Ihre Dienste waren leichter. Oft wurden sie in der Klausur, dem Kreuzgang und den umstehen- den Gebäuden beschäftigt, die Noldi vorher nie hatte betreten dürfen, da sie den Mönchen vorbehalten waren. Dadurch waren seine Mitschüler nie dort gewesen, wo er war. Im Unterricht spürte er ihren verstärkten Argwohn. Noldi plagte es mehr, als er sich eingestand. Er wollte doch gar nichts mit ih- nen zu tun haben, und doch … Immer wieder wurde ihm dann schmerzlich bewusst, wie sehr er Anneli vermisste. Dany hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Die Knabenschaft war aktiv im Volk und bekämpfte fortwährend durch kleine Überfälle die Habsburger. So gerne hätte er in Danys Knabenschaft mitgekämpft! Aber Anneli sass im Turm, und er hatte sich geschworen, nicht eher das Kloster zu verlassen, bis er sie befreit hätte. Jeden Tag hoffte er, dass sie lebendig und gesund war und verwünschte die Nonnen für ihr Verbrechen. Jeder Einzelnen, die Anneli nicht gut behandelte,
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