Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
138 Schwester Oberin blieb nochmals kurz stehen, stupste die andere Schwester mit der Hand in die Seite und beugte ihren Kopf ver- traulich vor. „Hast du das mitbekommen, wegen Schwester Mechthild?“ Anneli horchte auf. „Du meinst die Schwester, die fast durchgedreht ist? Was ist mit der?“ Die Stimmen der beiden Schwestern waren leiser geworden. Anneli musste ihre Ohren spitzen, damit sie alles verstehen konnte. „Sie hat sich mit einem Strick im Keller erhängt.“ Betretene Stille folgte. Annelis Herz stockte. „Was ? … Das ist ja ein Ding!“ Tuschelnd verliessen die beiden Nonnen das Turmzimmer. Dann wurde es wieder still um Anneli. Sie lag auf ihrer Bettstatt und sann über die Worte der beiden Nonnen nach. Mechthild … tot? Ein Schluchzen stieg in ihrer Kehle auf und heisse Tränen füllten ihre Augen. Der Name Mechthild rief Erinnerungen in ihr wach. Sie sah die Nonne plötzlich wieder vor sich: ein schmales, blei- ches Gesicht mit braunen, schwarz umränderten Augen. Eine auffallend zarte, freundliche Stimme hatte sie gehabt – ganz ähn- lich wie die ihrer Mutter … Mechthild – ja, diese Nonne hat mich doch gepflegt, und plötzlich ist sie nicht mehr gekommen. Sie ist also … tot? Warum nur, warum werden mir alle genommen, die mir lieb sind? Wa- rum müssen die Guten sterben und die Bösen überleben? Das ist doch nicht gerecht! Und Noldi? Lebt er überhaupt noch, oder ist er … tot? Oh, wenn ich doch auch sterben könnte! Wenn das „das Leben“ ist – dann ist der Tod besser als das Leben! Anneli weinte sich in den Schlaf.
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