Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

137 Am liebsten hätte Noldi abgelehnt, doch eine Neugierde zog ihn, der er einfach folgen musste. Noldi wünschte sich mit ei- nem Mal, dass er den Frieden dieses Mannes besitzen könnte. „Ja, Pater, ich will versuchen, von Euch zu lernen.“ Und das wollte Noldi wahrhaftig. In Waldes Augen spiegelte sich eine tiefe Freude wider. Er sagte nichts mehr, sondern bedeutete Noldi, seine Buchstaben wei- terhin zu üben. Allerdings strahlte er dabei eine Unbeschwert- heit aus, die ansteckend war. Mechthild Tage waren vergangen – endlos scheinende Stunden abgrundtie- fen Leidens. Anneli war wahrlich zwischen Leben und Tod geschwebt. Einmal mehr erwachte sie aus einem ihrer unzähligen Albträu- me. Sie spürte auf ihrer Stirn eine kalte Hand und hörte eine fremde Frauenstimme: „Sie überlebt!“ Anneli hielt ihre Augen geschlossen und tat so, als wenn sie noch schliefe. „Es ist ein Wunder, Maria. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Bei dem Fieber und dieser Wundentzündung.“ Irgendwie kam ihr diese herbe Frauenstimme bekannt vor. Sie öffnete ihre Augen einen kleinen Spaltbreit, gerade so, dass die beiden Nonnen es nicht bemerkten. Ah, Sieglinde! Schnell schloss sie die Augen wieder. „Na, ich muss sagen, dass es mir recht ist, wenn wir sie nicht mehr pflegen müssen. Es war anstrengend genug. Und wenn du mich fragst, Sieglinde: Schwester Hildegard hat ganz recht, man hätte sie besser sterben lassen sollen.“ „Du sagst es, Maria. Du sagst es.“ Die zwei Nonnen bewegten sich Richtung Ausgang. Anneli öff- nete ihre Augen. Sie standen mit dem Rücken zu ihr. Die

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