Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
135 „Dann setz dich. Wir haben viel zu tun.“ Sie begannen mit dem Alphabet und den Grundrechenarten. Waldes erklärte ihm, dass er im Laufe seines Studiums mit den septem artes liberales , den sieben freien Künsten, vertraut wer- den würde. Sie umfassten, nach den Schreib- und Lateinübun- gen, drei logisch-argumentative Fächer sowie vier mathemati- sche. Im Trivium, dem Dreiweg, erlernte er die Rhetorik, Grammatik und Dialektik, im darauf aufbauenden Quadrivium die Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. „Durch die Wissenschaften erlangen wir Weisheit und Einsicht“, erklärte Waldes. „Sie helfen uns, die Heilige Schrift und die Werke anderer christlicher Autoren mehr zu verstehen. Jedoch solltest du sie nie als Ersatz für den Glauben betrachten“, wandte er mit einem bekümmerten Seufzer ein. „Viele der Brüder, die lesen und schreiben können, sind dem Hochmut verfallen. Sie sind stolz, dass sie dieses kostbare Wissen erlangt haben, und verlassen sich nun ganz auf dieses und nicht mehr auf Gott. Die Heilige Schrift wird nie ein Mensch verstehen, wenn sie ei- nem nicht durch den Herrn offenbart wird. Nur durch Ihn kön- nen wir ihre Tiefe erfassen.“ Waldes machte eine Pause und wartete gespannt auf eine Reak- tion von seinem Schüler, doch dieser starrte einfach nur aus- druckslos vor sich hin. „Noldi, verstehst du das, was ich dir sage?“ Noldi nickte. „Kannst du glauben, dass unser menschliches Wissen vor Gott immer begrenzt sein wird?“ Noldi blieb stumm. Er konnte doch unmöglich zu Waldes sagen, dass er an keinen Gott glaubte, dass sein Glauben zerstört wor- den war durch all die erlittenen Verluste! Unverhohlen blickte er Waldes an. „Ich kann nicht mehr an Gott glauben“, platzte es aus ihm her- aus. „Alles, was ich erlebt habe, war so gemein, so böse. Die an-
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