Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
134 Ungewollt huschte ein Grinsen über Noldis Gesicht. Der Junge erwiderte es freimütig und korrigierte Noldi: „Du hältst den Griffel falsch.“ Er hielt seinen eigenen in die Höhe. „Willst du mit dem Ding schreiben, dann darfst du es höchstens mit drei Fingern halten und nicht mit der ganzen Hand. Es ist ja kein Messer!“ Noldi versuchte es auf die Weise, wie er es bei dem Jungen gesehen hatte, und tatsächlich glitt der Griffel nun leichter durch das Wachs. „Mein Name ist übrigens Nicholas.“ „Ich heisse Arnold, aber alle nennen mich Noldi.“ „Ja, ich kenne deinen Namen. Der Pater hat schon vorher erzählt, dass du kommst.“ Nicholas zeigte Noldi, wie man das Wachs in der Tafel glättete, worauf sich beide in stillem Einvernehmen wieder ihren Übun- gen zuwandten. Viel änderte sich an diesem Tag nicht mehr an Noldis Kampf mit seinem Schreibwerkzeug. Doch Nicholas hatte seine Wachstafel vor der völligen Zerstörung bewahrt. Vor der Sexta, dem Mittagsgebet, wurden sie von Waldes ent- lassen. Bevor Noldi jedoch das Unterrichtszimmer verlassen konnte, winkte Waldes ihn zu sich. „Noldi, du merkst selbst, dass du einen gewaltigen Rückstand gegenüber den anderen hast. Deshalb habe ich dir einen Vor- schlag zu machen: Wenn du magst, dann kannst du nach dem Unterricht gerne noch länger hierbleiben und wir arbeiten deine Lücken auf, so wie die Zeit es zulässt.“ Noldi musste nicht lange überlegen. Er hatte die Wahl zwischen den Diensten im Kloster und der Nachhilfe durch Waldes. Da fiel die Entscheidung nicht schwer. Der Pater zog einen Schemel neben seinen Stuhl und klopfte einladend auf dessen Sitzfläche.
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