Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
133 mit sieben Jahren in die Novizenschule gekommen waren. Zu- dem merkten seine Mitschüler, dass er eine Art von Bevorzu- gung bei Pater Waldes genoss. Wenn sie dann am Abend noch ent- deckten, dass er nicht bei ihnen im Dormitorium schlief, dann würde sich ihre Missgunst steigern , befürchtete Noldi. Sie sassen zu acht im Unterricht, die meisten zählten erst sieben oder acht Jahre. Bisher wusste er nichts über die anderen Novizen. Doch ihr Benehmen sprach dafür, dass sie aus eher vornehmen Häusern stammten. Bauerntölpel, wie er einer war, gab es hier nicht. Noldi hielt sich im Hintergrund. Sie wussten nichts von seinen Angelegenheiten und er nichts von den ihrigen. Seinetwegen konnte das so bleiben. Waldes ging zu einem an der Wand befestigten Pergamentblatt, auf dem die Buchstaben des Alphabets geschrieben standen. Er hielt einen Stock in der Hand, den er nun zum Zeigen benutzte. „Beginnen wir mit der heutigen Lektion. Wie immer werde ich euch in der Kunst des Lesens und Schreibens unterrichten.“ Das, was nun folgte, war für Noldi eine Herausforderung. Die Novizen besuchten zwar alle noch nicht lange die Klosterschule, doch sie hatten in der Zeit bereits das Alphabet und gewisse Grundkenntnisse erlernt. Noldi konnte ein wenig lesen, doch nur sehr langsam. Nun begannen sie die Buchstaben im Chor abzulesen und an- schliessend auf die Wachstäfelchen, die jeder vor sich auf dem Pult liegen hatte, zu übertragen. Noldi bemühte sich, es ihnen gleichzutun. Doch es sah alles viel einfacher aus, als es war. Der Griffel in seiner Hand wollte sich nicht fügen, und so wurde seine Wachstafel bald durch ungelenke Versuche unbrauchbar. Ein Kichern liess ihn zur Seite blicken und geradewegs in das spitze Gesicht seines Nachbarn schauen. Es war ein hagerer Junge mit widerspenstigem rotem Haar.
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