Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

132 Ein unerhörter Schwall von Schmerz überfiel sie. Alles begann, sich vor ihren Augen zu drehen. Sie liess sich erschöpft zurück auf das Lager fallen, presste ihre Faust in den Mund und biss sich in ihr fest. In der Schule Pater Waldes schritt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, vor seinen Schülern auf und ab. „Das Gebet ist unsere Waffe, nicht das Schwert! Merkt euch die- sen Grundsatz!“ Er musterte die Novizen, einen nach dem anderen. Am Schluss blieben seine Augen an Noldi hängen. „Das Leben des Studiums ist ruhig. Gott durch Gebet und das Lesen der Heiligen Schrift näherzukommen und Seine Gebote zu leben, das ist unser Aben- teuer.“ Noldi empfand Waldes Worte fast als eine an ihn gerichtete Ermahnung. Beschämt senkte er den Kopf. Es war sein erster Tag in der Novizenschule. Noch fühlte er sich fremd unter den anderen Jungen, mit denen er von jetzt an die meisten Stunden des Tages verbringen würde. Er sollte mit ih- nen sowohl Tisch wie auch Schlafsaal teilen. Er hatte sich jedoch bei Waldes’ erbeten, noch weiterhin über den Stallungen schla- fen zu dürfen, und es war ihm gestattet worden. Der Gedanke, mit den Knaben in einem Raum zu schlafen, war ihm aus ir- gendeinem Grund unerträglich. Vielleicht lag es daran, dass Noldi noch nicht die Trennung von Anneli überwunden hatte. Er zog sich vor den anderen lieber zurück in seine persönliche Einsamkeit. Dort blieb er seinem Vorsatz treu, in jedem unbeobachteten Moment mit Kampf- übungen seinen Körper zu stählen. Er spürte ihre Blicke auf sich, die Neugierde, aber auch Miss- trauen ausdrückten. Er war neu, älter als die anderen, die schon

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