Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

131 Ein Schütteln suchte sie in wiederkehrenden Wellen heim, durchfuhr ihren glühenden Körper, als wäre sie ein vom Sturm aufgepeitschter See. Alles war wie ein einziger, unaufhörlicher Albtraum. Anneli wischte sich mit zittriger Hand die Schweissperlen von der Stirn. Ihr Hals fühlte sich unförmig an und unbeschreibliche Schmerzen raubten ihr schier den Verstand. Wieder ein Blitz – und ein ohrenbetäubender Donnerschlag erschütterte den Turm. Sie erschrak. Auf einmal war sie hellwach. Inmitten dem Pfeifen des Windes hörte sie ein Pferd wiehern und der Wind trug den Schall von aufgeregten Männerstimmen zum Turmzimmer hin- auf. Noldi … Ach , Noldi! Anneli hielt sich mit beiden Händen den Kopf und schluchzte erbärmlich. Denn plötzlich kam ihr alles wieder in den Sinn. Sie haben mir die Zunge abgeschnitten!!! Anneli richtete sich ruckartig von ihrem Lager auf, hielt sich die Hände vor das Gesicht und weinte. Vornübergebeugt wiegte sie ihren Oberkörper hin und her. Der Schock und der Schmerz waren zu gross. Meine Zunge, oh mein Gott, ich habe keine Zunge mehr!!! Weshalb hat Gott so etwas nur zulassen können? Sie schlug mit ihren schwachen Fäusten auf ihr Bett ein, schrie und schluchzte gleichzeitig . Ihre Qual war unbeschreiblich. Vater, Vater! Du hast doch immer gesagt, dass es einen Gott gibt, Vater!!! Warum hat Er mich nicht beschützt? Weshalb hat Er zugelassen, dass sie mich wieder in den Turm gesteckt haben? Oh Vater! Wieso ist das Leben so schrecklich? Bitte, sag es mir!!! Ich kann einfach nicht mehr glauben, dass es einen Gott gibt. Einen Gott, der so schreckliche Dinge zulässt. Der dich und Mama … Nein! Ich – kann – einfach – nicht – mehr!

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