Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
130 sie das Kind röcheln. Sie beugte sich zu ihr herunter und legte die Hand auf ihre Stirn. Auf einmal hob die Kranke ihre Lider. „Möchtest du etwas essen?“ Die Schwester stützte Anneli und ver- suchte ihr die Suppe einzuflössen. Doch sie drehte ihr Gesicht weg. „Du … hast wohl Durst.“ Schwester Mechthild hob eilends den Tonkrug vom Boden auf und liess das kranke Mädchen daraus nippen. Anneli hielt sich wie eine Verdurstende am geneigten Krug fest und trank – nur ein Schluck – sie würgte, hustete, stöhnte und presste mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Hand auf den Mund. Die Nonne legte sie wieder vorsichtig zurück auf das Lager und deckte sie zu. „Wenn ich dir nur helfen könnte!“, seufzte sie. Da – Schritte im Turm. Schwester Hildegard? Doch es war die Mutter Priorin Anna-Katharina höchstpersönlich! Mechthild er- starrte bei ihrem Anblick. – Ob Hildegard wohl …? „Schwester Mechthild, ich habe mit Euch zu sprechen!“ Die strenge, tonlose Stimme der Priorin durchschnitt die Stille. Die Nonne erbleichte. „Aber, was …?“ Bevor sie noch weiter- fragen konnte, machte die Priorin schon wieder auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. Im Gehen fügte sie mit abgewandtem Blick hinzu: „Wir sehen uns im Rat-Zimmer.“ Ein mächtiges Grollen folgte einem grellen, zuckenden Blitz. Der ganze Raum wurde mit gespenstischem Licht erfüllt. Immer wieder gab es für kurze Zeit den Blick auf das kranke Mädchen frei, das sich stöhnend und wimmernd auf ihrem Strohlager hin und her wälzte. Das rasende Pochen in Annelis Schläfen und das Grollen des Donners vereinten sich in stürmischem Duett. Der Himmel schien mit ihr mitzuleiden.
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