Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

129 Dann ein Geräusch plätschernden Wassers – etwas Kaltes wurde auf Annelis Stirn gedrückt. Sie wehrte sich, versuchte, die fremde Hand weg zu stossen. Die Nonne legte das feuchte Leinentuch beiseite. „Mach, was du willst, Hildegard! Aber ich … ich werde das Kind weiterpflegen – es könnte ja mein Kind sein.“ „Jetzt komme mir nicht schon wieder mit dieser Geschichte! … Du verlierst langsam deinen Verstand, Mechthild. Hörst du? Halte deine Gefühle im Zaum und vergiss das Ganze endlich!“ „Wie kann ich es vergessen? Nacht für Nacht raubt es mir den Schlaf – höre ich meine Kinder aus der Erde schreien. Ich … ich will mich nicht noch mehr versündigen, Hildegard. Verstehst du?“ „Du bist wirklich nicht mehr ganz bei Sinnen. Das machen doch heutzutage alle, oder? Was ist da schon dabei? Hmm?“ Anneli bäumte sich auf und stöhnte. Schwester Hildegard schüttelte ihren Kopf und deutete mit ver- ächtlicher Miene auf das Kind: „Ja, dann – viel Vergnügen mit diesem … diesem widerspenstigen Ding!“ Sie verliess fluchtartig das Gemach und schlug die Tür hinter sich zu. Der Widerhall ihrer Schritte dröhnte im Turm nach. Dicke, schwüle Luft erfüllte das Turmzimmer. Anneli lag auf ihrem Strohlager, eingehüllt in zwei schmutzige Decken. Auf ihrer Stirn lag ein feuchtes Leinentuch. Vor ihrem Lager standen eine Suppenschüssel und ein Krug mit Wasser bereit. Schwester Mechthild hob ihre Augen zum Erkerfenster auf. Obwohl es Tag war, wurde die Sonne von dichten Wolken ver- dunkelt. Es war still. Zu still. Ihr Blick wanderte zum Mädchen auf dem Lager. Sie schlief. Die Nonne wollte aufstehen und leise das Zimmer verlassen. Da hörte

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