Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
127 sich darauf, seinen neuen Schüler in Gottes Weisheiten zu unter- richten. Sein Blick fiel wieder auf Noldi und die Freude verflog. Mit noch grösserer Inbrunst stürzte sich Waldes wieder ins Gebet. Das Erste, was Noldi wahrnahm, war Vogelgesang. Beherzt träl- lerte ein Vogel sein Lied, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. So gerne hätte Noldi das geglaubt. Für einen Moment vergass er alles, was seine Seele belastete, und war glücklich. Die muntere Stimme einer Frau erklang. „Sein Fieber ist letzte Nacht gesunken, Pater. Aber sprecht nicht viel mit ihm! Ein Kranker braucht seine Ruhe!“ Widerstrebend öffnete Noldi seine Augen. Neben seinem Bett sass Pater Waldes und betrachtete ihn. Ihre Blicke trafen sich, und für einen Moment sagten beide kein Wort. In Noldi über- schlugen sich die Gefühle. Noch immer lastete eine Schwere auf ihm, die er nicht einordnen konnte. Dunkel stieg die Erinnerung an Anneli in ihm hoch. Irgendetwas war geschehen. Noldi versuchte zu sprechen, doch seine Zunge lag ihm wie ein Stück Blei im Mund. Krächzend brachte er ein paar Laute her- vor. Pater Waldes griff nach einem Becher. Er half Noldi, sich aufzu- richten und zu trinken. Dann fragte er lächelnd: „Hat sich deine Zunge gelöst?“ Noldi lächelte zaghaft zurück und stellte endlich die Frage, die ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte: „Wo ist Anneli?“ Waldes Gesicht verdunkelte sich. „Sie haben sie zurück in den Turm gebracht.“ Noldi sank in sein Kissen zurück. Erleichterung durchflutete ihn. Sie lebte noch; das war alles, was zählte. „Wie lange war ich krank, Pater?“ „Eine Woche. Und du hast mir einige Sorgen bereitet.“ „Komme ich nun zurück in die Zelle?“
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