Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
125 Rettung Der Wächter schleifte Noldi eine Treppe hinunter, die in ein Kellergewölbe unter der Klosteranlage führte. Der Gang roch unangenehm nach abgestandener Feuchtigkeit und Schimmel. Noldi hatte Mühe, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Allmählich schälten sich die Umrisse der Mauer heraus, und er konnte erkennen, dass sich in dem Gewölbe eine Kammer an die andere reihte. Die meisten standen offen und enthielten Fäs- ser oder alte Holzkisten. In manchen standen Regale, gefüllt mit unterschiedlichsten Vorräten. Noldi begriff, dass sich eine kleine Stadt unter dem Kloster verbarg, die ihre eigenen Geheimnisse besass. Der Mann hielt vor einer schweren Holztür inne. „Das, mein Bürschchen, ist deine neue Bleibe. Mach es dir ge- mütlich, du wirst es hier lange aushalten müssen.“ Braune Zähne lachten ihn hämisch an. Der Wächter stiess ihn in die Kammer. Noldi hörte, wie sich der Schlüssel Unheil verkündend im Schloss drehte. Dann war er allein in der Dunkelheit und Kälte. Er schlang zitternd die Arme um seinen Leib und tastete mit den Augen die Umgebung ab. Durch ein Gitterfenster hoch oben in der Wand fiel spärliches Mondlicht und zeichnete einen Licht- strahl auf den Boden. In der Mitte des Raumes stand eine Holz- pritsche. Stroh bedeckte den Steinboden. Ansonsten war der Raum leer. Ein trockener Husten schüttelte Noldis Körper. Erschöpft kau- erte er sich auf das Lager. Alles in ihm war leer. Keine Gefühle, keine Gedanken. Er hoffte, dass es für den Rest seines Lebens so bleiben würde. Für mehr fehlte ihm die Kraft. Bevor er einschlief, stieg noch einmal Annelis abgezehrtes Gesicht vor ihm auf, und ein heftiger Schmerz durchfuhr sein Herz. Dann umschloss ihn die Dunkel- heit eines traumlosen Schlafes.
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