Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
124 Der Hagere hielt sie mit eisernem Griff umfangen. Verzweifelt versuchte sie, sich zu wehren. Doch sie konnte sich nicht mehr rühren. Der Dicke sperrte mit beiden Händen ihren Mund auf. Bevor sie sich versah, schob der hinter ihr stehende Hagere ein Rohr zwischen ihre Zähne. Annelis Herz stockte. Mit Grauen sah sie erneut den Haken vor ihrem Gesicht auftau- chen. Gellend schrie sie auf. Sie rollte ihre Zunge zurück, in der verzweifelten Hoffnung, sie verstecken zu können. Die Augen des Wächters verengten sich zu schmalen Schlitzen. Der Haken kam näher und näher. Ihr Herz raste wild. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte sie, als das harte Metall ihre Zunge durch- bohrte. Sie bäumte sich auf. Der Wächter zog mit einem bruta- len Ruck am Haken und zerrte die Zunge heraus. Sie hustete, spuckte Blut. Bilder blitzten vor ihren Augen auf – rollende Köpfe, blutende, schreiende Babys, der auf sie gerichtete Zeige- finger der Priorin. In ihren Gedanken hallte das Lachen des be- trunkenen Mönches wider. Ihr Körper schien nicht mehr zu ihr zu gehören. Die Sinne begannen zu schwinden. Wie durch einen dicken Nebel hörte sie eine Stimme in der Wölbung des Turm- zimmers widerhallen. „Mist, ich krieg sie nicht raus! Komm, reiche mir den Dolch rü- ber.“ … rüber … rüber. Anneli sackte in sich zusammen. Dunkle Wolken hüllten sie ein. Sie hatte mit ihrem Leben abgeschlossen. Sie kam erst wieder zu sich, als erneut ein furchtbarer Schmerz ihren Körper durchfuhr. – Ihre Zunge wurde brutal herausge- zerrt und abgeschnitten. Ihr eigener, schriller Aufschrei gellte in ihren Ohren. – Dann wurde es ihr schwarz vor Augen.
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