Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
122 figkeit: „Wie ihr wünscht, Mutter Priorin.“ Mit diesen Worten packten sie Anneli rechts und links unter den Schultern und schleppten sie zum Turm. „Bitte, bitte, nicht wieder in den Turm. Nein!“ „Sei nur still, du!“, schnauzte der Dicke sie unwirsch an und ver- stärkte seinen Griff um ihre Achsel. „Komm, lass sie doch. Bald wird die Kleine nicht mehr schrei- en.“ Beide lachten, als hätten sie einen guten Witz gemacht. Anneli setzte sich am Eingang des Turmes mit aller Kraft zur Wehr und biss in die Hand des hageren Wächters. „Autsch, du Luder!“ Der Dicke hielt sich den Bauch vor Lachen. „Tollpatsch – lässt du dich von so einer kleinen Göre überwältigen?“ Das war der Augenblick für Anneli. Einen Moment war der Dicke unachtsam. Sie wand sich aus seiner Hand und rannte davon. Der Hagere fluchte. Anneli lief Richtung Kreuzgang. Wo sollte sie sich nur hinwen- den? Die Schritte hinter ihr kamen immer näher. Sie war einfach zu schwach, um Abstand zu gewinnen. Wie ein gehetztes Reh rannte sie durch die Gänge, verfolgt von den Wächtern in ihren schweren Stiefeln. Ihre schnellen Tritte hallten laut durch den Klostergang. Da – die nächste Biegung. „Halt, Halt! – Was ist hier eigentlich los?“ Die Priorin stand vor ihr und versuchte sie aufzuhalten. Anneli sah nur noch einen Ausweg. Sie rannte auf die Priorin zu und versuchte sie mit aller Kraft zu rammen und wegzudrücken. Fast wäre es ihr gelungen, doch die Wächter waren schon zu nahe und erwischten sie an ihrem Kleid. „Du Biest!“ Wütend schlug die Priorin ihr ins Gesicht. „Seid ihr nicht mal fähig, ein kleines Gör zu bändigen? Pah! Männer!“ Die Priorin schüttelte ihren Kopf und schaute die beiden mit unverhohlener Verachtung an. Aus der leicht geöffneten Tür vernahm man Gekicher.
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