Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

120 führe dich! Sei ganz leise und hab keine Angst!!! Bist du bereit?“ Anneli nickte. Noch einmal spähte Noldi durch den Türspalt. Er öffnete das Tor so weit, dass sie gerade durchschlüpfen konnten. Das Knarren der massiven Eichentüre hallte laut im nachtstillen Kloster. Annelis Herz stand einen Augenblick lang still. Hand in Hand schlichen sie durch den von Fackeln beleuchteten Kreuzgang. Bei der nächsten Abzweigung hielten sie kurz inne und spähten um die Ecke. Eine dunkle Gestalt mit wallendem Gewand kam im Kreuzgang direkt auf sie zu. Sie duckten sich erschrocken hinter dem Mauervorsprung und beobachteten, wie die Nonne hinter der Türe zur Bibliothek verschwand. Aufat- mend flüsterte Noldi ihr zu. „Puh! Die Priorin Anna-Katharina! Zum Glück hat sie uns nicht gesehen.“ „Anneli!“ Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Wir müssen die- sen Flur entlang. Ganz hinten rechts führt die Treppe zur Wein- kellerei hinunter, da findet gerade ein nächtliches Gelage statt. Ich habe dort in der Nähe einen unterirdischen Gang entdeckt. Er führt hinüber zum Mönchstrakt und von dort hinaus aus den Klostermauern ins Freie. Komm!“ Noldi packte ihre Hand und zog sie hinter sich her. Leise schli- chen sie an der Bibliothek vorbei. Sie hatten schon beinahe die gegenüberliegende Gangseite erreicht, da torkelte ihnen ein be- trunkener Mönch entgegen. Als er die zwei Kinder sah, blieb er schwankend stehen. „Arnold – du Schlingel du … Jetzt hab ich dich aber erwischt, du Bürschchen, du. Du hast mir ja ganz verschwiegen, dass du ei-eine Freundin – hast“, lärmte er viel zu laut durch das Klos- ter. Bevor die Kinder an ihm vorbeihasten konnten, liess die schneidende Stimme der Priorin die beiden zusammenfahren. „Wer macht so einen Heidenlärm da draussen? Was macht ihr denn da? … Arnold, Anna, kommt sofort her!“ Wie auf Kommando rannten die beiden los und versuchten an dem Betrunkenen vorbeizukommen.

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