Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

119 „Noldi!“, brachte sie endlich hervor. Ein oder zwei Jahre muss- ten wohl in der Zwischenzeit verstrichen sein, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war grösser geworden und irgend- wie reifer. Sie schlang ihre dünnen Ärmchen um ihn. „Bist du es wirklich oder träume ich nur?“ „Kann man denn einen Geist anfassen, he? Natürlich bin ich es! Doch …“ Noldi schaute mit gehetztem Blick zum Ausgang. „… komm jetzt! Wir müssen uns beeilen. Bevor jemand merkt, dass ich bei dir bin.“ „Aber … aber Noldi, ist das nicht gefährlich? Wenn die uns bloss nicht erwischen. Sonst …!“ „Jetzt komm schon, Anneli! Wir können nicht noch länger warten. Hab nur keine Angst, wir werden es schaffen.“ Noldi griff nach ihrer Hand und zog sie in die Höhe. Willig liess sie sich von Noldi führen. Sie liefen zusammen die Turmtreppe hinunter. Unterwegs wurde es ihr schwindlig und ihre Beine ga- ben nach. „Anneli “, flüsterte Noldi seiner kleinen Freundin zu und hielt sie fest, damit sie nicht stürzte. „Komm schnell.“ Kurzerhand packte er sie unter den Armen und probierte sie noch die letzten Treppenstufen hinunterzutragen. Die Kinder verloren Zeit, wertvolle Zeit – Zeit, die sie nicht hatten. Sie erreichten die Aussentür des Turmgefängnisses. Noldi stellte Anneli auf die Füsse und blieb einen Augenblick horchend stehen. Sie wollte gerade etwas fragen, doch er gebot ihr mit einem Handzeichen, still zu sein. Vorsichtig öffnete er die schwere Türe einen spaltbreit und spähte in den Hof. „Jetzt folgt das schwierigste Stück“, raunte Noldi Anneli zu. „Ich habe alles genau geplant. Es gibt nur einen Weg, um unbemerkt aus den Klostermauern zu gelangen. Gib mir deine Hand, ich

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