Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
116 wollte sie auf keinen Fall werden. Aber … konnte sie ihr verge- ben und … für diese Frau beten? Ob sie das jemals fertigbrach- te? Sie wusste es nicht, doch eines wusste sie: Sie würde Schwester Sieglinde künftig mit etwas anderen Augen sehen. Die Tage kamen und gingen, eintönig und grau. Ein neuer, end- loser Tag nahm seinen Anfang. „He, Anna! Wach auf!“ Anneli fuhr auf und blickte direkt in das verhärmte Gesicht der Schwester Hildegard. „Zeit zum Aufstehen, Zeit zum Essen.“ Ihre Stimme klang un- wirsch. Sie schob ihr schnell eine Schale Wasser, eine Schüssel Suppe und ein Stück Brot entgegen, verzog sichtlich angewidert ihr Gesicht und verliess das Turmgemach. Anneli schnüffelte an der braunen Brühe. Sie roch einfach scheusslich. Mit Widerwillen tauchte sie das harte Brot in die lauwarme Suppe und begann zu essen. Ihr Appetit war einfach zu gross. Schnell hatte sie die Schüssel leer gegessen. Doch den nagenden Hunger, den konnte sie damit nicht stillen. Ihr Essen bestand immer aus einer solchen undefinierbaren, lau- en Brühe und einem harten Stück Brot. Und der Nachtisch? Ja, der Nachtisch bestand aus Erinnerungen – Erinnerungen an das Essen daheim … Jetzt konnte sie es wieder vor sich sehen … Hm … duftete das herrlich! Köstliche Falafel – feines Fladenbrot mit verschieden farbiger Gemüsefüllung. Sie genoss es, Biss für Biss. Ein Klopfen an der Holztür weckte Anneli aus ihren Erinnerun- gen auf. Kam die Schwester schon wieder, um die Schale zu ho- len? Aber die Nonnen klopfen doch sonst nie. Seltsam! „Wer ist da? “ rief Anneli vorsichtig.
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