Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
115 nicht wie Sieglinde, liebes Anneli! Komm lieber wieder aus dei- ner Verbitterung heraus und vergib dieser Frau. Vergib allen Menschen, die dir etwas angetan haben und bete für sie. Dann wirst du, trotz deiner äusseren Gefangenschaft, wirklich frei sein.“ „Und was ist mit all den Kindern, die im Klostergarten ver- scharrt sind? Mit dem, was sie meinen Eltern und meinem Bru- der angetan haben? Wie kann man so was einfach vergessen? Man kann sie doch nicht wieder lebendig machen? Wie kann ich so etwas vergeben, Pater Waldes?“ „Bei Menschen ist es unmöglich. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich!“ Der Mönch legte Anneli väterlich seine Hand auf die schmalen Schultern. Durch seine Art wurde ihre Erinnerung an ihren ver- storbenen Vater wach. „Bete, Anneli, bete! Sprich mit Gott über deine innere Not und schütte Ihm dein Herz aus. Er versteht dich so gut! Er wird dir die Kraft zum Vergeben schenken.“ Anneli wurde still und nachdenklich. Nach einer besinnlichen Stille erhob sich der Pater und streckte sich: „So, jetzt muss ich aber gehen. Leb wohl, Anneli. Ich wer- de wiederkommen, sobald mir der Herr eine Türe auftut.“ Er streichelte ihr sanft über das Haar. Wie unsagbar wohl tat diese Berührung! Nun wandte er sich zur Türe, drehte sich nochmals kurz um und sagte zu Anneli: „Da ist noch Wasser, damit du dich wieder mal waschen kannst … und etwas Seife.“ Erst jetzt bemerkte sie den Tonkrug, der auf der Treppe stand. Die Türe fiel knarrend ins Schloss und Anneli war wieder allein. Die Schritte des Mönches entfernten sich. Sie musste noch lange über die Worte des Paters nachdenken. Nein, so wie diese Frau
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