Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

114 „Das, das ist ja … ein Apfel!“ Über Annelis sonst so trauriges Gesicht huschte ein kleines Lächeln, doch dann verfinsterte sich ihre Miene wieder. „Das letzte Mal, als du mir diese schöne rote Rose aus dem Klos- tergarten mitbrachtest, hat sie mir Schwester Sieglinde einfach wieder weggenommen. Sie ist eine so böse, schreckliche Frau.“ Ihre Stimme klang bitter. „Ich verstehe deinen Groll, Anneli“, sagte der Pater sanft. „Doch vielleicht hilft es dir, wenn ich dir die Geschichte dieser Frau erzähle.“ Er setzte sich neben Anneli auf das Lager: „Als junges Mädchen aus adeliger Familie wollte ihr Vater sie mit einem wohlhabenden Mann verheiraten, der so alt war wie er selber. Es ging ihm nur ums ‚liebe Geld‘ und um sein eigenes Ansehen - nicht aber wirklich um das Wohl seines Töchterchens. Sie aber liebte einen jungen Burschen aus dem Bauernstand, was dem Vater missfiel. Er drohte ihr, sie ins Kloster zu stecken, falls sie sich weiter gegen diese Heirat wehre. Sie müsse sich den jungen Bauern zünftig aus dem Kopfe schlagen. Aus purer Verzweiflung floh Sieglinde mit ihrem Liebsten, um dieser Zwangsheirat und dem drohenden Kloster zu entgehen. Doch die beiden wurden gefasst. Der Vater machte seine Dro- hung wahr und steckte seine Tochter ins Kloster. Und – ihren Liebsten …“, der Pater machte eine Handbewegung, „… liess der Vater erhängen. Seit diesem Tag ist diese Frau voller Bitter- keit. Bis heute hat sie ihren Eltern nicht vergeben können. Ihr Herz ist durch all die Jahre im Kloster nur noch härter und här- ter geworden.“ Der Pater deutete zu den Mauern, die sich rund um sie herum auftürmten. „Ja, sie hat durch ihre Verbitterung ihr Herz mit Mauern ver- schlossen, die dicker sind als die Mauern dieses Turmes. Sie ist eine Gefangene ihres eigenen Herzens geworden! Mache es

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