Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

113 Sie horchte auf. Schritte näherten sich ihrem Turmgemach. Wer mochte das wohl sein? Sie bekam doch nur jeden Tag einmal, und zwar am Morgen, ihre Essensration. Die Türe wurde knar- rend aufgeschlossen und herein trat … „Pater Waldes!“ Das Mädchen erhob sich und lief dem Mönch freudig entgegen. „Hallo Anneli!“ Der Pater nickte ihr freundlich zu. „Ich freue mich, dich endlich wieder einmal zu sehen!“ „Ich dachte schon, du hättest mich vergessen. Konntest du nicht schon früher kommen?“ Mit fragenden Augen schaute sie zu dem Pater auf. „Liebes Anneli. Ich wollte dich besuchen. Lange, lange habe ich nach einer geeigneten Gelegenheit gesucht. Weisst du, ich werde scharf beobachtet. Der Abt schaut mir auf die Finger. Ich darf mir keine Unachtsamkeit erlauben. Schon genug schwimme ich wie ein Fisch gegen den Strom, verursache mit meiner Gegen- stimme nicht geringen Aufruhr im Kloster.“ „Pater!“ Die Kleine klammerte sich an ihm fest. „Ich will hier weg! Bitte, bitte, bitte hilf mir!“ Der Mönch strich über ihr Haar: „Liebes Kind! Wie gerne wollte ich das; doch – es geht leider nicht so einfach, wie du dir das vorstellst.“ Enttäuscht wandte sie sich ab. „Warum denn?“ In ihren Augen glitzerten Tränen. „Wie ich dir schon sagte: Ich werde scharf beobachtet. Noch sehe ich keinen Weg, dich aus der Gefangenschaft zu befreien. Doch die Zeit wird kommen, da wird Gott Seine Rettung sen- den! Da bin ich ganz gewiss.“ „Ich hoffe, dass Er das bald tut.“ „Fast hätte ich es vergessen. Noldi lässt dich herzlich grüssen und hat mich gebeten, dir das hier zu geben.“ Anneli entdeckte in Waldes Hand einen leuchtend roten Apfel. Ihre Augen wurden hell. Ehrfürchtig nahm sie die Frucht entgegen.

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