Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

112 gesagt. Auch eine Decke brachte sie mit, wenn auch nur eine aus dünnem Jutestoff. In den kalten Nächten konnte sie sich damit jedoch kaum warm halten. Ihr Blick schweifte an den Mauern entlang – kaltes, lebloses Gestein, wohin ihr Auge blickte. Diese Eintönigkeit war schreck- lich. Wehmütig blickte sie zu dem kleinen Erkerfensterchen hinauf, durch das sie wenigstens ab und zu ein Stück Himmel erhaschen konnte. Dieser Blick zum Himmel war das Einzige, was ihr noch von draussen geblieben war und ihr das Gefühl vermittelte, nicht völlig von der Aussenwelt abgeschnitten zu sein. Doch wie oft schon hatte sie sich gewünscht, dass dieses kleine Fenster nicht so weit oben wäre, damit sie auch hinunter auf den Klos- terhof hätte sehen können … „Wo bleibt nur Pater Waldes?“ Anneli seufzte. Schon lange war es her, dass er sie das letzte Mal besucht und ihr Nachricht von Noldi gebracht hatte. Leider konnte Noldi den Pater nicht ins Turminnere begleiten. Die Priorin hatte es aufs Strengste verbo- ten. Wenn er einmal auf die Idee kommen sollte, eine solch ver- botene Tour zu unternehmen, dann würde sie ihn umbringen. Oh, Noldi! Wenn du jetzt nur bei mir sein und ich dich endlich wieder mal sehen könnte! Sie schloss ihre Augen – und da sah sie ihn vor sich: Der Wind spielte mit seinen braunen, langen Haaren. Zwei lus- tige Zöpfe waren darin eingeflochten. Sein Anblick war ein biss- chen wild – oder mehr noch, mutig! Er schaute sie an – diese funkelnden Augen, dieses entwaffnende Lächeln! In seiner Ge- genwart wich jede Traurigkeit, und die Angst bekam Flügel. Sein Mut konnte ihr die Kraft zum Leben zurückgeben! Das war ihr Noldi! Und solange Noldi da unten war, so lange gab es Hoffnung für sie. Es kommt die Zeit – ja, die Zeit wird kommen – irgendwann, irgend- wann wird er kommen und mich aus diesem Turm befreien!

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