Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

111 verschwand sie auch wieder. Nur noch ihre hastigen Schritte hallten im hohlen Turm nach. Anneli war wieder allein. Seufzend löffelte sie die trübe Brühe aus und schob die Schüssel von sich. Schmerzliche Erinnerungen an die erste Zeit im Turmverlies stiegen in ihr hoch. Wie oft hatte sie sich schon mit dem Essen den Magen verdorben! Doch noch schlimmer als das verdorbene Essen waren die furchtbaren Albträume gewesen. Nacht für Nacht wurde sie von ihnen heimgesucht, und sie hat- ten das Mädchen fast an den Rand des Wahnsinns getrieben. Ebenso des Tags wurde sie von schrecklichen Gedanken und Ge- fühlen gemartert. Sie waren wie erbitterte Feinde über ihre ge- plagte Seele hergefallen. Der einzige Trost waren die allzu seltenen und doch beharrlich treuen Besuche von Pater Waldes gewesen. Er konnte mit sei- nen Mut machenden Worten etwas Licht in ihr dunkles Gefäng- nis bringen. Labsal war es stets für ihre gepeinigte Seele gewe- sen. Seine Gebete hatten geholfen. Waren doch die Albträume und die schrecklichen Gedanken seltener geworden. Wenn nur der Pater … Wie sehr dürstete sie wieder nach einem lieben Wort, einem Lächeln, einer Berührung – einfach nach ein wenig „Leben“. Ihr Blick wanderte durch das Turmzimmer und blieb bei den Fa- ckeln hängen, die seitlich der Treppe an der Felswand einge- hängt waren. Sie spendeten etwas Wärme. Doch dienten sie wohl mehr dazu, den Nonnen den täglichen Weg zu der Gefan- genen zu erleichtern, als wirklich Licht ins Innere der Turm- kammer zu bringen. Auch ein Bett – wenn man es überhaupt so nennen konnte – hatten ihr die Nonnen hingestellt. Es war ein Holzbrett auf vier Pflöcken, worauf etwas Stroh ausgebreitet war. So lag Anneli wenigstens nicht ganz so hart. Sie war froh gewesen, als eine Schwester ihr das Stroh brachte. „Vom Pferdestall“, hatte sie ihr

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