Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

110 „Nun, in der Zeit des Judas Makkabäus, da herrschte die Meinung vor, dass alle Menschen durch eine einzige Religion verbunden sein sollten. Dem widersetzten sich unsere Vorfahren. Als Folge davon verboten die Herrscher des Landes unter Androhung der Todesstrafe unsere mosaischen Regeln. Sogar die zehn Gebote wurden für ungültig erklärt und Thorarollen öffentlich verbrannt. Die jüdischen Feste durften nicht mehr gefeiert werden, und auch der Schabbat wurde aufgelöst. Selbst die Beschneidung war verboten.“ Mit erregter Stimme sprach Vater weiter: „Der Höhepunkt war, dass unter Antiochus Epiphanes im Tempel zu Jerusalem ein Zeusaltar aufgerichtet wurde, auf dem man sogar Schweine opferte und Unbeschnittene ungestraft ins Allerheiligste des Tempels eindrangen! Da erwachte der gerechte Zorn des Judas Makkabäus. Unter seiner tapferen Führung wurden unsere Feinde geschlagen und das Land befreit.“ Vaters Miene erhellte sich: „Darum feiern wir Chanukka! Und auch heute erwarten wir, dass Gott uns beisteht und befreit. Wir wollen Seiner Wunder gedenken und Ihm allezeit vertrau- en! Gelobt sei Gott!“ Inzwischen war die fröhliche Festfeier in vollem Gange. Es gab grosse Fladenbrote mit einer süssen Füllung. Darauf hatte sich Anneli schon lange gefreut. Genüsslich fing sie zu essen an. „Der Allmächtige segne dich, mein kleiner Schatz“. Die Mutter strich ihr liebevoll übers Haar. „Da hast du dein Essen!“ Anneli schrak zusammen. Die klirrende Stimme der mürrischen Schwester riss sie gnadenlos in die trostlose Gegenwart zurück, in die brutale Realität des Jetzt. Schwester Sieglinde schob ihr eine Schüssel entgegen, in der eine schmierige Brühe mit dicken Fettaugen zu sehen war. Unter dem forschenden Blick der Oberin fing sie an, ihre Suppe zu löf- feln, und so schnell, wie die Ordensschwester gekommen war,

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