Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

109 Chanukka – wie aus einer anderen, weit entfernten Welt klang sanft und leise dieses eine Wort in Annelis Geist an und sein Widerhall brach sich im Lichtglanz des Leuchters, fand sich wie- der im fröhlichen Stimmenmeer. Ja, heute war ein ganz beson- derer Tag: Chanukka – das Lichterfest! Vor dem Essen hatte Vater die Geschichte erzählt, warum Cha- nukka von den Juden gefeiert wurde. Oh, wie liebte sie es, wenn ihr Papa aus der Thora vorlas oder einfach von ihrer jüdi- schen Geschichte erzählte! Vater hatte die ganze Familie um sich versammelt, und sie sass auf seinem Schoss, strich durch seinen Bart und hörte ihm an- dächtig zu. „Warum feiern wir Chanukka?“, hörte sie ihn mit feierlicher Stimme fragen. Seine gütigen, blau-grünen Augen schauten dabei bedächtig von einem Kind zum anderen. „Wie auch in heutiger Zeit, wurden wir Juden seit je verfolgt. Immer schon behandelte man uns, als wären wir ‚ der Abschaum der Welt ’ , ja, man behandelte uns stets wie Vieh, mit dem man handeln konnte, wie man gerade wollte. Ihr wisst ja, dass ich als kleiner Bub mit meinen Eltern aus dem Elsass nach Basel ziehen musste. Man hatte uns enteignet, alles Hab und Gut weggenommen. Alle Juden wurden auf diese Weise von Philipp dem Vierten aus ganz Frankreich vertrieben. Wir mussten dem König hohe Abgaben entrichten, damit wir nach Jahren wieder ins Elsass zurückkehren durften. Dort mussten wir wieder ganz von vorne beginnen. Nachdem wir uns ein neues Stück Land und Hof erworben hatten, fügte es Gott, dass eure liebe Mutter mit ihrer Familie gerade gegenüber von uns einzog. So haben wir uns schliesslich ken- nengelernt. – Dank sei Gott, der aus aller Not errettet und auch aus Üblem etwas Gutes und Wunderbares erstehen zu lassen vermag!“ Vater schaute Mutter mit leuchtenden Augen an, dann sprach er weiter.

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