Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag

108 ihrer Turmgefangenschaft doch fast unerträglich und erdrückend auf das Mädchen gelegt. Nun aber half ihr gerade die Stille und Verlassenheit, sich in eine Welt der Erinnerung zu flüchten, in die vertraute Welt ihrer Kindheit. Das war ihre Kunst, ihre Freiheit – das war ihr Spiel! Es gab Mädchen, die spielten mit Puppen. Anneli aber spielte mit Träumen … Einmal mehr verschwammen die kahlen Mauern vor ihren Au- gen, und ein Bild stieg in Annelis Erinnerung hoch. Ja, jetzt konnte sie es deutlich sehen! Ein Tisch, festlich geschmückt, da- rauf ein Leuchter. Das Licht – wie wunderbar hell das Licht strahlte! Für kurze Zeit war sie nicht mehr in ihrem feuchten, nasskalten Turmverlies, sondern wieder im trauten Heim, zu Hause bei ihrer Familie … Sie sassen alle um den ovalen Eichentisch herum, den Vater selbst gezimmert hatte. Mit seiner gütigen Stimme sprach er das Tischgebet. Die zierliche Mutter sass daneben. Ihr langes, dunk- les Haar war zu einem Knoten aufgesteckt, ihren Blick hielt sie andächtig gesenkt. Daniel, der Jüngste, sass auf ihrem Schoss. Mit seinen grossen, dunklen Augen bestaunte er den Leuchter. Beim „Amen“ des Vaters ging das fröhliche Geplapper los. Jeder wollte etwas erzählen. Ihr ältester Bruder, David, unterhielt sich gerade angeregt mit dem Vater. Anneli konnte nicht verstehen, um was es ging, obwohl sie angespannt lauschte. Denn ihre älte- ren Schwestern sassen links und rechts von ihr und hatten sich gerade so viel Wichtiges zu erzählen. Esther und Ruth waren sich sowieso in allem unglaublich ähnlich. Sie lagen im Alter auch nur ein Jahr auseinander, machten alles gemeinsam und waren richtige „Plappermäuler“. Da war Anneli mit ihrer nachdenkli- chen, stillen Natur ganz anders. Heute sass sie in der Nähe von Mama, freute sich einfach über die fröhliche Tischgemeinschaft und bestaunte den wunderschönen Leuchter auf dem Tisch.

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