Helden Sterben Anders - Ivo Sasek - Elaion-Verlag
107 Der erste Sonnenstrahl drang spärlich durch die vergitterte Mauerluke in Annelis Turmgemach. Das Innere des Turmes glich eher einem Verlies als einer Kammer, doch Anneli war froh, wenigstens im Turm eingesperrt zu sein und nicht unten in der Versenkung des Klosters, wo nicht einmal das Tageslicht hätte eindringen können. Seit etwa einem Jahr sass sie in diesem grässlichen Gefängnis. – Die Hoffnung auf Freiheit war in weite Ferne gerückt. Auch Pater Waldes hatte sich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr um sie gekümmert. Ob er sie wohl auch vergessen hatte? Nachdenklich und müde strich Anneli sich die strähnigen Haare aus ihrem abgemagerten Gesicht und lauschte. Da – sie hörte wie jeden Morgen Schritte auf der Treppe hallen. Tak, tak, tak. Die Tritte unterbrachen Annelis Stille. Es war immer derselbe Ablauf, Tag für Tag! Nur die Schwestern wechselten sich ab, ihr allmorgendlich das Essen zu bringen. Wer von ihnen wollte sich schon mit dem „Anneli im Turm“ konfrontieren müssen? Wer wollte sein schlechtes Gewissen immer wieder von neuem belasten durch den Anblick des zerschundenen Mädchens? Schwester Sieglinde kam meistens zu ihr hoch. Diese Oberin schien ein Herz aus Stein zu besitzen, und sie verbreitete durch ihre Anwesenheit bizarre Kälte. Anneli erkannte schon von weitem ihren Schritt, denn niemand sonst kam so energisch und schnell die Stufen herauf wie sie. Die anderen Schwestern pflegten zwischendurch inne- zuhalten, wobei ihre Schritte zaghaft und schwerfällig klangen. Manchmal, ja öfters sogar kam es vor, dass sich die herannahen- den Schritte wieder entfernten und sie nichts zu essen bekam. Dann wurde es wieder ganz still. Eine Stille, die ihr sehr ver- traut war. Sie hatte inzwischen gelernt, mit dieser Ruhe umzu- gehen und sie sich sogar zunutze zu machen. Doch das war nicht immer so gewesen. Wie hatte sich die Lautlosigkeit zu Anfang
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